Zur Pädagogik und Didaktik der Nachhaltigkeit

Als unesco-projekt-schule zeichnet sich das Auguste-Viktoria-Gymnasium u.a. durch eine besondere Aufmerksamkeit für Fragen und Probleme der Globalisierung, der nachhaltigen Entwicklung und einer weltweiten sozialen Gerechtigkeit aus. Denn schließlich gehören das friedliche Zusammenleben der Völker, der verantwortungsvolle, zukunftsfähige Umgang mit den Ressourcen und die weltweite Bekämpfung der Armut zum Programm der in dem UNESCO-Netzwerk zusammengeschlossenen Schulen. Diese Leitlinien der UNESCO sind mit der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 in das Zentrum eines globalen politischen Programms für das 21. Jahrhundert gerückt: Der Leitgedanke des Abschlussdokuments, der „Agenda 21“, dass globale Gerechtigkeit mit umweltverträglichem Handeln und mit einer wirtschaftlichen Entwicklung, die zukünftige Generationen ihre Handlungsspielräume erhält. Dieses „Dreieck der Nachhaltigkeit“ ist auch das Symbol (und zugleich das Logo) des BLK 21-Programmms für Schulen:

Ökologie
Zukunftsfähiger
Umgang mit der Umwelt und den Ressourcen

Ökonomie
zukunftsfähige
wirtschaftliche
Entwicklung

Soziales
globale
soziale
Gerechtigkeit







Das Dreieck symbolisiert den Auftrag, bei allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen diese drei Handlungsbereiche in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen. Ein zentraler Gedanke dabei ist, dass dies nur gelingen kann, wenn alle Betroffenen zugleich an den sie betreffenden Entscheidungen und Prozessen teilhaben und Verantwortung dafür übernehmen. Das ist aber nur möglich, wenn sie auch über das Wissen und die Fähigkeiten verfügen, die es ihnen erlauben, wirtschaftliche, soziale und ökologische Zusammenhänge zu durchschauen und aktiv zu gestalten. Deshalb hat die Folgekonferenz der UNO in Johannesburg im Jahre 2002 in ihrem Abschlussdokument die zentrale Bedeutung der Bildung hervorgehoben und gefordert (§ 121): „Integrate sustainable development into education systems at all levels of education in order to promote education as a key agent for change.“

Das bedeutet aber nicht nur, dass, wie es seit langem geschieht, „Nachhaltigkeit“ ein Unterrichtsthema in vielen Fächern ist. Vielmehr rücken die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt des Lernprozesses als Menschen, die in der Zukunft ihre Welt aktiv selbst und verantwortungsvoll gestalten müssen. Damit wird auch Bildung selbst als nachhaltig verstanden.

Die hierzu erforderliche Gestaltungskompetenz, wie sie im „BLK 21“-Projekt entwickelt werden soll, ist deshalb auf globale, kulturenüberschreitende Weise das gemeinsame Ziel, das die Schülerinnen und Schüler in Indien und in Trier und ihre Lehrerinnen und Lehrer verbindet. An beiden ‚Enden‘ der Welt müssen sie lernen,

  • durch lebensweltliches, komplexes, interdisziplinäres Wissen vorausschauend und vernetzend zu denken und zu planen
  • mit Phantasie und Kreativität die Zukunft zu entwerfen, auch im Sinne von Utopie
  • sich transkulturell zu verständigen und im Kampf gegen Armut und Unterdrückung zu kooperieren
  • aktiv an gesellschaftlichen, politischen und sozialen Prozessen teilzuhaben, das eigene Handeln selbstverantwortlich, aber in Kooperation mit anderen zu gestalten und es auf seine Folgen hin zu reflektieren.

    “ – die verantwortungsvolle, verantwortliche Teilhabe des Individuums an Entscheidungsprozessen von der Debatte über Ideen bis hin zu deren Realisierung – ist also auch für die schulische Bildung ein Schlüsselbegriff. Damit verändert sich auch das Lernen selber: Nur wer in der Schule gelernt hat, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen und sich mit anderen aktiv über Ziele und Wege auseinander zu setzen, kann auch in seiner Lebenswelt gestaltend an Entscheidungen und Gestaltungsprozessen teilhaben. Mehr noch: Auch das schulische Lernen selber muss dem Prinzip der „Partizipation“ und der eigenverantwortlichen Gestaltung folgen.

    An praktisch allen in diesem Kurzbericht dargestellten Beispielen aus der Arbeit des Indien-Projekts des AVG lassen sich die pädagogischen und didaktischen Prinzipien der Nachhaltigkeit nachvollziehen. Dazu einige Beispiele:

    · Die Projektidee: Das Indien-Projekt ist nicht zufällig oder willkürlich Bestandteil des Arbeitsprogramms des AVG geworden. Vielmehr waren die langwährende Beschäftigung mit den verwandten Zielen der UNESCO und ein bereits existierendes Unterstützungsprojekt für eine Schule in Südindien (Cowdalli) die Voraussetzungen für die Bereitschaft, für die Einbindung in die bestehende Arbeit und für die für ein solches Projekt nötigen Vorerfahrungen. Anders gesagt: Auch ein Schulprojekt selbst muss dem Prinzip der Nachhaltigkeit genügen, indem es sich in bestehende Strukturen und Netze einfügt und nicht ‚künstlich‘ ohne oder gar gegen solche Voraussetzungen implementiert wird.

    · Alle Unterstützungsmaßnahmen für den Schulbau in Indien müssen dem Prinzip der Nachhaltigkeit genügen. Es wird nicht einfach Geld gegeben, sondern nach dem Subsidiaritiätsprinzip werden Entwicklungsmaßnahmen und Projekte unterstützt. Die Gewähr dafür bieten die Integration des AVG-Projekts in ein größeres, vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit gefördertes Projekt und dessen Betreuung in Deutschland und vor Ort in Indien durch Nicht-Regierungsorganisationen mit dem entsprechenden Know-how. ‚Nachhaltigkeit‘ ist also in diesem Schulprojekt nicht nur ein ideelles Ziel, sondern ein handlungsleitendes, praktisches Prinzip bei allen Entscheidungen, die in diesem Projekt von allen Beteiligten zu treffen sind.

    · Der Erwerb von Wissen und Kenntnissen über die Menschen in Indien und die Regionen, in denen sie leben, aber auch der direkte, im Prinzip tägliche (und durch Fax und E-Mail auch mögliche) Kontakt mit ihnen ist eine unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen des Projekts. Interkulturelles Wissen und transkulturelle Verständigung sind also nicht bloß Lern- und Unterrichtsziele, sondern praktische Erfordernisse im Projektalltag.

    · „Partizipation“ weist auch einer Schule eine neue Aufgabe zu: Sie bereitet die Lernenden nicht nur auf aktives, verantwortliches, nachhaltiges Handeln vor, sondern sie ist als Gemeinschaft und Institution selbst Träger solchen Handelns. Das AVG versteht sich also selbst als gesellschaftlicher Akteur und nimmt unmittelbar an gesellschaftlichen Entscheidungen und Prozessen teil.

    „Nachhaltigkeit“ als Prinzip verändert also nicht nur das gesellschaftliche und politische Handeln, sondern auch das schulische Lernen und die Ziele der Bildung. Für alle, die am Indien-Projekt des AVG mitarbeiten, ist das eine alltägliche Erfahrung.



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