Das Schicksal des Trierer Dominikanerklosters und seiner Kirche im Schatten des Domes (von Dieter Schultz, gekürzte Fassung)


Das Auguste-Viktoria-Gymnasium befindet sich im Herzen Triers auf historischem Grund. In einem Artikel des Kurtrierischen Jahrbuchs (51. Jahrgang 2011, S. 187-214) stellt Dieter Schultz, ehemaliger Lehrer am AVG, anschaulich und fundiert die Entwicklung des ehemaligen Dominikanerklosters bis zum heutigen Doppelschulkomplex dar. Im Folgenden erscheint eine gekürzte Zusammenfassung, der Originaltext kann in der oben angeführten Quelle eingesehen werden. Außerdem ist der zweite Teil, der die geschichtliche Bedeutung der Dominikaner für die Stadt Trier und das Umland darstellt, im Internet unter http://odo.heim.at veröffentlicht. Die Publikation einer französischen Version in der „Collection Mémoire dominicaine, Editions du Cerf, Paris, ist in Vorbereitung.  

 „Öm Dominikaner“  

Nur die älteren Trierer werden noch den Ausdruck „öm Dominikaner“  kennen, der wahrlich keinen guten Klang hatte, denn er bezeichnete ein ungefähr zwischen der heutigen Wind-, Prediger-, Balduin-, Christoph-, Koch-, Dewora- und Dominikanerstraße gelegenes Viertel mit einem Gefängniskomplex, hervorgegangen aus den ehemaligen Klöstern St. Nikolaus der Grauen Schwestern und St. Johannes der Dominikaner. Wie kam es zu dieser Entwicklung? 

Anfänge und Ziele der Dominikaner  

Schon acht Jahre  nach der Gründung des Ordens der Prediger - auch Dominikaner genannt – 1215 in Toulouse kamen Dominikaner auf Ruf des Trierer Domherren Ernestus nach Trier.

Er vermachte ihnen mit Einverständnis des Bischofs und des Domkapitels sein Wohnhaus, eine Kurie, aus der das spätere Kloster entstand.

Ab 1235 war der Konvent konstituiert, denn aus diesem Jahr ist eine vom Prior und Konvent der Trierer Dominikaner besiegelte Urkunde bekannt. Damit war Trier nach Friesach in Kärnten, Köln und Straßburg die vierte Niederlassung der Dominikaner in der Ordensprovinz Teutonia. Als Ziel galt es, das wohlhabende Bürgertum, das sich sowohl vom wenig gebildeten niederen Klerus als auch von den prunksüchtigen, zumeist adeligen, hohen Repräsentanten der Kirche abgestoßen fühlte, mit den auf Studium basierenden Predigten, mit Beichthören, mit Sakramentserteilung und einer apostolischen Lebensweise zurückzugewinnen.  

Kloster und Kirche im hohen und späten Mittelalter  

Wie die meisten Dominikanerklöster befand sich der Trierer Konvent innerhalb der Stadtmauern, aber nicht zentral, sondern in nordöstlicher Randlage in einem Gebiet, das viele Obstgärten und Wiesen aufwies. Von dem ersten Klosterbau sind nur wenige, aus weißem Kalkstein geformte Bruchstücke aus dem Kreuzgang erhalten (13 Jh.).  Da das Material noch kein Sandstein ist, stammen die Anfänge des Klosters aus dem Übergang von der Romanik zur Gotik. Bei Ausgrabungen wurden zudem zahlreiche gotische Architekturbruchstücke aus dem Südflügel des Klosterbaues entdeckt, die beim Umbau im 18. Jahrhundert wiederverwendet wurden. Nach der Errichtung des Klosters wurde, wie auch in anderen Städten, mit dem Bau der Kirche begonnen, und zwar mit dem Chor, der bis 1240 fertiggestellt wurde. Wahrscheinlich erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde die Kirche vollendet.  

Kloster und Kirche im Zeitalter des Barocks und des Rokoko.  

Ein großer Brand im Jahre 1610 vernichtete einen bedeutenden Teil des Klosters, darunter die Mönchszellen und die Bibliothek.  Erst 1715/1716 begannen die Dominikaner mit einem aufwendigen Neubau des Klosters von Grund auf. Das Äußere des Gebäudes blieb weiterhin sehr einfach. Es war ein heller, zweigeschossiger Bau mit einem schiefergedeckten Satteldach, in das kleine Fenster eingelassen waren. Die Zellenfenster waren zur Stadtseite viereckig, ohne Verzierung. Von der Bibliothek sind noch einzelne fragmentarische Handschriften in der Stadtbibliothek Trier vorhanden. Der größte Teil der Bücher, die wegen des Armutsideals wohl kaum Illustrationen enthielten, ist aber bei dem Brand des Jahres 1610 zerstört worden. Der Rest ist während der Säkularisation verschollen oder wurde zerstört, wie auch das Archiv selbst. Die Dominikanerkirche blieb auch nach der barocken Erneuerung von 1750 äußerlich sehr einfach, turmlos und querschifflos. Die Innenausstattung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ist noch beinahe vollständig erhalten, wenn auch über Deutschland und Frankreich zerstreut, u.a. in der Pfarrkirche St. Stephan in Illingen im Saarland. Eine Kanzel steht heute noch in der Antoniuskirche in Trier, die Wangen der Kirchenbänke mit wertvollen Intarsien wie auch ein Beichtstuhl können noch heute im Trierer Dom besichtigt werden.  

 Das Kloster und die Kirche im 19. Jahrhundert                                     

Französische Zeit und Ende des Kirchengebäudes.  

Nach dem Einrücken der französischen Truppen am 9. August 17 94 in Trier mussten die Novizen das Kloster verlassen. 1799 wurde Religiösen verboten, sich ohne Pass außerhalb der Stadt zu zeigen. Mit dem Edikt vom 9. Juni 18 02 hob Napoleon die Kloster- und Stiftskirchen auf. Am 26. Juli 18 02 mussten die Dominikanerbrüder sofort das Kloster verlassen. Sie sollten ihre Kleidung ändern und bei Bürgern unterkommen. 500 Franken wurden ihnen für den Unterhalt versprochen, 140 Franken Reisegeld für diejenigen, die aus Gebieten jenseits des Rheines oder aus dem Ausland stammten und dorthin zurückkehren mussten.  

Inzwischen hatten schon für das Dominikanerkloster die Versteigerungen begonnen. Im Arrondissement Trier kamen 13 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen durch Versteigerung in Privathand. Ungefähr 4 ha Weinbergbesitz (3,6 ha plus einzelne Weinberge ohne Größenangabe) in Kues, Longen und in Trier (Kürenz, Heiligkreuz und Olewig) und ungefähr 6 ha Garten-, Acker-, und Wildland gehörten den Dominikanern, alles kein umfangreicher Besitz. Der Gebäudebesitz war noch geringer (drei Häuser). Die Kirche wurde zunächst gesperrt und 1812 zusammen mit dem Südflügel und dem südlichen Kreuzgang abgerissen.               

  Schon im August 1801 wurde mit dem Umbau des Klosters begonnen, es entstand ein Gefängnis für die Gefangenen, die das Gefängnis am Kornmarkt nicht mehr aufnehmen konnte.

Am 26. Juli 18 02, dem Tag des Auszuges der Dominikaner, zogen die Insassen aus dem eigentlichen Trierer Gefängnis ein, das im Bering des heutigen Mutterhauses, dem ehemaligen Jesuitennoviziat, lag.  

Die Preußische Zeit und das Ende des Klostergebäudes.  

Über das Gefängnis in preußischer Zeit sind wir heute gut informiert. Im Ostflügel war die Schule für die jüngeren Gefangenen eingerichtet. Zunächst unterrichtete von protestantischer Seite der Divisionspfarrer. Von katholischer Seite wechselten sich in kurzer Folge verschiedene Geistliche ab, die außer Religions- auch noch Rechen-, Schreib-, Lese- und Gesangsunterricht erteilten, bis 1842 ein hauptamtlicher Volksschullehrer den Unterricht übernahm.  

Von einem illustren Insassen des Gefängnisses muss nun noch abschließend gesprochen werden: Von dem Erzbischof von Trier Matthias Eberhard, dessen Geburtshaus am Hauptmarkt in Trier steht (Haus des Juweliers Frère). Er hatte seine Zelle im Nordflügel hinter dem dritten westlichen Fenster. Während des Kulturkampfes zwischen Bismarck und dem preußischen Staat auf der einen Seite und der katholischen Kirche und der katholischen Zentrumspartei auf der anderen Seite widersetzte sich der Bischof den preußischen Maigesetzen von 1873, die die Vorbildung und Anstellung von Geistlichen unter staatliche Kontrolle stellten. Nach hohen Geldstrafen, Pfändungen und der Einbehaltung von zwei Dritteln, danach sogar des ganzen Gehaltes wurde er am 6. März 18 74 von Landrat   Spangenberg in das Gefängnis im ehemaligen Dominikanerkloster gebracht, wo   er   bis   zum  31. Dezember 18 74 inhaftiert war.  

Außer dem ehemaligen Klostergebäude gab es noch drei Nebengebäude: Das nördlich gelegene ehemalige Brauhaus, gebaut 1715, wurde 1829 in eine Kapelle mit Altar, Orgel, Beichtstuhl und Bänken verwandelt, in der an Sonn- und Feiertagen Gottesdienste für die Gefängnisinsassen abgehalten wurden. In der östlich davon liegenden Küche bereiteten zehn Gefangene mit einem Aufseher das Essen vor. In einem besonders ummauerten Gebäude aus den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts saßen Untersuchungshäftlinge ein.  

Als am 1. April 19 02 das Gefängnis in Wittlich eingeweiht wurde, konnte die Strafanstalt im ehemaligen Dominikanerkloster aufgegeben und das Gebäude abgerissen werden: Das Ende einer über sechshundert Jahre andauernden Entwicklung.  

Die Neubauten in dem ehemaligen Dominikanerbereich  

Schon sechs Jahre danach wurde im November 1908 die St. Laurentius-Volksschule, später Deworaschule, gebaut.  

Weitere sechs Jahre später, am 1. April 19 14, wurde der neugotische Schulneubau des damaligen Kaiser-Wilhelms-Gymnasiums, des heutigen Max-Planck-Gymnasiums, eingeweiht.

Für den Direktor wurde ein ebenfalls in neugotischem Stil errichtetes Wohnhaus, dessen Räume später für den naturwissenschaftlichen Unterricht benutzt wurden, erbaut. Es stand zum Teil auf dem Fundament der Apsis der ehemaligen dominikanischen Klosterkirche.  

Mit dem Jahre 1970 erfolgte die größte Veränderung in dem ehemaligen Dominikanerbereich. Am 17. Januar 1970 wurde der Neubau des Auguste-Viktoria-Gymnasiums eingeweiht, der dazu geführt hatte, dass man den südwestlichen Flügel des Deworabaues entfernt hatte. In demselben Jahr riss man auch das alte Direktorenhaus ab.  

Der letzte Neubau war die Anfang November 2006 eingeweihte gemeinsame Sport- und Mehrzweckhalle für das Auguste-Viktoria-Gymnasium und das Max-Planck-Gymnasium.

Zum ersten und einzigen Mal wurden baubegleitende Grabungen vom Rheinischen Landesmuseum durchgeführt, welche die ersten und auch wertvollen archäologischen Befunde zur Dominikanerkirche und Kloster brachten. Nach der Errichtung des bisher letzten Gebäudes bleibt die Schultradition bewahrt, die von der Konventsschule des 13./14. Jahrhunderts über die Gefängnisschule des 19. Jahrhunderts und die Volksschule sowie das Gymnasium des 20. Jahrhunderts bis zur Turnhalle des 21. Jahrhunderts reicht.  

Der seines Südwestflügels beraubte Deworabau, der rein funktionale, ohne irgendeine architektonische Raffinesse gestaltete Neubau des Auguste-Viktoria-Gymnasiums und die neue, vorwiegend aus vorgefertigten Bauelementen errichtete Turnhalle sind von ihrer Architektur her nicht imstande, den städtebaulichen Akzent, den das Dominikanerkloster und die Dominikanerkirche im Viertel setzten, zu erreichen. Da auch der Ausdruck „Öm Dominikaner“ von fast niemandem mehr verstanden wird, sind es nur die Namen der Dominikaner- und Predigerstraße, die heute noch an das geschichtsträchtige Mendikantenkloster und seine Kirche erinnern.
Im Schatten des Domes.





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